Verkehr, Arbeit, Wohnen: Was ESMC verspricht und was nicht

Nach anderthalb Stunden gibt es Applaus, und Christian Koitzsch kann durchatmen. Der Chef der künftigen Mikrochipfabrik ESMC hat längst sein Jackett ausgezogen. Es ist warm im Baustellencontainer. Etwa zwei Dutzend Männer und Frauen aus Hellerau, Klotzsche und Radeburg sind zur ersten Bürgersprechstunde neben Dresdens größter Baustelle gekommen. Sie sitzen in Reihen, melden sich und fragen den ESMC-Geschäftsführer höflich, aber bestimmt nach seinen Plänen.
Koitzsch und sein Bauleiter Steffen Müller haben Luftbilder der Riesenbaustelle mit den mehr als 20 Kränen an die Wände hängen lassen und das Fabrikmodell aufgestellt. Es war schon zum Spatenstich vor einem Jahr zu sehen, als Kanzler Olaf Scholz (SPD) und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Zehn-Milliarden-Euro-Investition mit 50 Prozent Zuschuss vom Bund symbolisch starteten.
Betonmischwerke direkt auf der Baustelle ESMC
Inzwischen hat ESMC westlich vom Flughafen Dresden mehr als 500.000 Kubikmeter Erde ausheben lassen. Seit Februar werden Pfeiler gegossen. Zwei Betonmischwerke laufen dort. Jetzt sei „die schönste Phase“ der Baustelle, sagt Koitzsch. Man sehe den Bau wachsen. Koitzsch hat als Chef zuvor schon den Bau der benachbarten Bosch-Chipfabrik organisiert und wechselte dann zum neuen Unternehmen European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC). Es hat jetzt 60 Mitarbeiter. 2000 sollen es werden.
Nun steht der Geschäftsführer in Jeans und weißem Hemd vor Bürgern, die hinter Tor 5 geparkt haben und Fragen zu Verkehr, Arbeitsplätzen und Wohnen stellen. Einige haben geschrieben, dass sie allgemeine Informationen über das Projekt wünschen.
Der Firmenchef zeigt zur Einführung ein Video von 80 Sekunden, in englischer Sprache. Es zeigt abwechselnd Bilder von der Baustelle und aus der Mikroelektronik. Im Film heißt es, im Herzen von Europa entstehe eine Fabrik, die wichtig für die Zukunft der Halbleiterbranche sei – und damit für die Menschen. Industrieroboter sind zu sehen und Autos, die immer mehr Chips brauchen. Die EU will mehr Chipproduktion in Europa und erlaubt die Subventionen.
Die ersten Fragen kommen, nachdem Koitzsch Außenansichten der Fabrik gezeigt hat, mit einer 200 Meter breiten, begrünten Fassade. Diese Bepflanzung werde „spektakulär, darauf freue ich mich“. Eine Frau in der ersten Reihe fragt, auf welcher Seite denn diese Fassade entstehe („nach Süden“) und ob auch die Dächer begrünt werden.
Solaranlagen auf Büro und Parkplatz
Der Firmenchef erklärt, dass auf dem Fabrikdach Kühlanlagen und Installationen zum Reinigen und Waschen der Emissionen gebraucht werden. Aber die Bürogebäude sollen zum Teil begrünte Dächer bekommen, zum Teil Fotovoltaik. Solaranlagen mit einem Megawatt Leistung sind geplant, auch über dem Parkplatz im Südosten. Im Nordwesten des Grundstücks ist ein Parkhaus für 800 Autos vorgesehen.
Eine Frau aus Hellerau bittet darum, den Straßenverkehr zu bremsen: „Die Gläser in den Häusern zittern, wenn die Lkws vorbeikommen.“ Die hätten allerdings eher mit der Infineon-Baustelle zu tun. Eine Weixdorferin sagt, der Verkehr habe bereits zugenommen. Ein Mann fragt, ob ESMC sich finanziell an einer neuen S-Bahn-Linie und Radwegen beteiligen könne. Koitzsch verspricht kein Geld: „Wir wollen ein guter Nachbar sein.“ Aber ESMC sei ein Unternehmen, das in hartem Wettbewerb stehe. „Wir können nicht jedes Infrastrukturthema in Dresden lösen.“ Der Geschäftsführer bittet darum, den Einfluss der Firma nicht zu überschätzen. 2000 neue Arbeitsplätze seien viel, aber nicht genug für eine S-Bahn-Linie.
Gute Erreichbarkeit des Gewerbegebiets Airportpark sei im Interesse des Unternehmens, sagt Koitzsch. Was er verspricht: Mit den Nachbarfirmen soll über die Schichtpläne gesprochen werden. „Damit nicht alle um 6 Uhr anfangen, sondern einer vielleicht 5.30 oder 6.30 Uhr.“ So soll der Berufsverkehr entzerrt werden. Ob im Reinraum Zwölf- oder Achtstundenschichten gelten werden, sei noch nicht entschieden. Dresdens Chipbranche kennt beides.
Ein Hellerauer fordert den Firmenchef auf, eine Werkssiedlung zu bauen, denn der Wohnungsmarkt sei angespannt.
Christian Koitzsch lehnt ab: „Chips herstellen können wir sehr gut, Wohnungsbau nicht.“ Die Firma könne auch nicht steuern, wo jemand wohnen wolle – ob in der Neustadt oder im Grünen.
Mietwohnungen für Experten von TSMC aus Taiwan
Für die Experten aus Taiwan, die während des Hochfahrens der Fabrik drei bis fünf Jahre mit ihren Familien in Dresden leben werden, will sich das Unternehmen allerdings um Mietwohnungen kümmern. „Sie wollen im urbanen Umfeld wohnen“, sagt der Manager, der mit seiner Familie einige Jahre in Indien gelebt hat. ESMC gehört zu 70 Prozent dem taiwanischen Konzern TSMC. Je zehn Prozent gehören den Hauptkunden Infineon, Bosch und NXP.
Die wohl schwierigste Frage stellt schließlich ein älterer Mann im Karohemd: Was passiert, falls China die Insel Taiwan okkupiert, auf die es Anspruch erhebt? „Bricht dann alles zusammen?“ Koitzsch sagt, er sei „nur Physiker, Geopolitik ist ein weites Feld“. Die Fabrik müsse jedenfalls autark funktionieren. „Wenn die Internetverbindung ausfällt, läuft die Fabrik weiter.“
Die nächste Bürgersprechstunde soll im Oktober stattfinden und rechtzeitig auf der Internetseite esmc.eu angekündigt werden. Dort stellt sich die Firma vor.