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Magie aus nächster Nähe: Rotes Gold im Grünen Gewölbe

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Alchimie, Bergbau und Goldschmiedekunst – eine an Kostbarkeiten reiche Sonderausstellung im Dresdner Schloss thematisiert das „Wunder von Herrengrund“.
Von Jens-Uwe Sommerschuh
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Dresden.
Wunder gibt es immer wieder … Im Dresdner Residenzschloss ist seit diesem Wochenende im Grünen Gewölbe eine Sonderausstellung zu besichtigen, die mehr als 70 filigrane Kostbarkeiten vereint, um deren Vorgeschichte sich eine märchenhafte Legende rankt.

Es war einmal in einem fernen Gebirge, wo unterm Hang Erze schlummerten, da hatten Bergleute Werkzeug aus Eisen im Grubenwasser liegen lassen. Als man die Stücke wiederfand, schimmerte das Metall rotgolden. Zauberei! Magie! Eisen zu Gold? Damit hätte sich ein uralter Traum der Alchimie erfüllt.

Die erstaunliche Geschichte vom Wunder im Berg

Die erstaunliche Geschichte verbreitete sich landauf, landab rasend schnell, und es war vom „Wunder von Herrengrund“ die Rede, nach der nahe gelegenen gleichnamigen Bergbausiedlung. Die gehörte vom Mittelalter bis 1918 zum Königreich Ungarn, das freilich ab 1526 unter der Oberhoheit der Habsburger stand, und sie war in all der Zeit überwiegend deutsch besiedelt. Seit gut hundert Jahren ist die Gegend Teil der Slowakei. Der Ort heißt heute Špania Dolina und liegt in den Bergen oberhalb der Bezirksstadt Banská Bystrica, dem einstigen Neusohl.

Erzgebirge gibt es einige in Europa. Neben dem uns vertrauten Gebirge entlang der sächsisch-böhmischen Grenze, dem Kursachsen wegen der Silbervorkommen ein Gutteil seines Reichtums verdankte, und den weniger bekannten Erzbergen im Süden der Toskana, ist das Mittelslowakische Erzgebirge, wie es heute heißt, als einst recht ertragreiches Gebiet bekannt. Dort hat sich die wundersame Geschichte abgespielt. Das Eisen hatte sich freilich nicht in Gold verwandelt, sondern in ein anderes, nicht ganz so edles Element.

Die berühmten 14 Tage im „flußlein“

In seiner opulenten Weltchronik schrieb Hartmann Schedel 1493, Ungarn sei „ein fruchtper land. Da ist ein wasser flußlein in dem das eysen darein gesenckt zu kupffer wirdt.“ Der britische Gelehrte Edward Brown, der die Gegend bereiste, schilderte 1693 den Vorgang genauer: „Es gibt auch zwei Quellen mit Vitriolwasser, die Eisen in Kupfer verwandeln … diese Quellen liegen sehr tief im Bergwerk, und das Eisen wird gewöhnlich 14 Tage im Wasser gelassen.“ Das sei sehr vorteilhaft, da sich unbrauchbares altes Eisen in die reinste Art von Kupfer umwandeln lasse, das man ohne weitere Zusätze schmelzen und verarbeiten könne.

Heute ist dieser Prozess elektrochemisch erklärbar. Das im Wasser enthaltene Kupfervitriol, ein Kupfersulfat, verwandelt sich in Verbindung mit Eisen in reines Kupfer, Eisensulfat und als Kupferschlamm bezeichnete Nebenprodukte.

Diese Transformation wurde in Herrengrund beizeiten gezielt herbeigeführt, indem das Vitriolwasser aus dem Berg durch hölzerne Kästen und Rinnen geleitet wurde, in die man Eisenteile oder Späne gab. Das dabei durch Ionenaustausch entstandene sogenannte „Zementkupfer“ wurde im Hüttenwerk gereinigt, zu Barren eingeschmolzen und zu Blechen gewalzt. Daraus wurden schließlich die typischen Herrengrunder Kupfergefäße gefertigt, die sich in ganz Europa verbreiteten.

Das Geheimnis des Kupferwassers

1753 veröffentlichte der Ungar Matthias Bel seine „Anmerkung von dem neusolischen Kupferwasser, das (…) Eisen in Kupfer verwechselt“ und erklärte: „Das Kupfer, das dieses Kupferwasser liefert, ist viel reiner, geschmeidiger und leichter zu schmelzen, als dieses Metalls übrige Arten; daher die Goldschmiede daraus Schüsseln, Becher, Tabacksdosen, immer einer mit mehr Kunst als der andere, machen, die sie mit scherzhaften bisweilen auch gelehrten Aufschriften zieren …“ Viele Stücke sind vergoldet und weisen reichen figürlichen Schmuck und Verzierungen aus Silber auf. Die schönsten Arbeiten gingen als Erwerbungen oder Geschenke an Herrscherhöfe. Einfachere Stücke waren beliebte Souvenirs und Tauschobjekte von Handelsreisenden.

Eine Gravur auf einem Gefäß ist berühmt geworden, weil sie auf poetische Art das Wesen dieser Kleinode benennt: „Eisen war ich, Kupfer bin ich, Silber trag ich, Gold bedeckt mich.“ Eine andere Inschrift besagt: „Die Mutter hat mich als Eysen hart geboren, doch in der Venus Bad bin ich zu Kupffer worden.“ Auch Wortspiele mit dem eisernen Kriegsgott Mars und der schönen Liebesgöttin Venus finden sich. Der Schatz ist nicht nur wertvoll, er ist auch zum vieldeutigen Kunstwerk geworden. Damit schließt sich der Kreis zur Ausstellung. Die war zunächst in nahezu identischer Ausstattung in Österreich im Bergbau- und Gotikmuseum Leogang zu sehen. Der Ort liegt im Bundesland Salzburg an der Grenze zu Tirol. Das vor 33 Jahren gegründete Museum beherbergt unter anderem die größte Privatsammlung Herrengrunder Gefäße aus der Stiftung Achim und Beate Middelschulte. Einige davon sind nun zusammen mit hochrangigen Leihgaben aus Budapest, Aachen, Bochum, Wien und München und mit kostbaren Exponaten aus dem Dresdner Bestand im Sponsel-Raum des Neuen Grünen Gewölbes und im angrenzenden Gang zu bewundern.

Bergwerksfunde seit jeher im Grünen Gewölbe

Marius Winzeler, Direktor des Grünen Gewölbes und der Rüstkammer, räumt ein, dass angesichts der hochkarätigen Schätze aus Gold und Edelsteinen, die das berühmte Dresdner Museum ansonsten füllen, eine Schau mit Kupfergefäßen unangemessen erscheinen könnte. Doch dem sei nicht so. Die Verbindung aus Bergbaugeschichte, Alchimie und Kunst passe sehr gut zu Dresden. Tatsächlich beherbergte schon die 1560 begründete Kurfürstliche Kunstkammer, aus der die heutigen Sammlungen nach und nach hervorgingen, einschlägige Bergwerksfunde in großer Zahl, teils naturbelassen, teils schon verziert. Und der Reichtum, der den Wettinern den Erwerb von Juwelen, Porzellanen, Skulpturen oder Gemälden ermöglichte, entsprang bekanntlich nicht unwesentlich dem sächsischen Silberbergbau.

Wesentlicher Bestandteil der Ausstellung sind Handsteine. Der Begriff wurzelt in dem Brauch, dass Bergleute einst handgroße Erzfunde heraustrugen, die dann auf ihren Gehalt und Wert geprüft wurden. Besonders kostbare Stücke wurden dem Dienst- oder Landesherrn übergeben. In der Dresdner Kunstkammer soll es einst mehr als 50 derartiger Steine gegeben haben. Oft wurden sie später weiterverarbeitet und dienten als Kern eines zierreichen Ensembles.

Ganze Bergbaulandschaft in einer Kupferschale

Zwei pittoreske Tafelaufsätze, die aus solchen Handsteinen hervorgingen und sonst in Museen in Wien und Bochum stehen, sind besondere Blickfänger in der Schau. Beides sind reich verzierte Arbeiten, die um 1750 und 1763 in der Region von Herrengrund entstanden und dem Neusohler Goldschmiedemeister Paul Kolbány zugeschrieben werden. Es ist bekannt, dass der Habsburger-Kaiser Franz I. und sein Sohn, der spätere Kaiser Joseph II., die Bergbauregion besuchten und dabei beschenkt wurden.

Ein besonders malerisches Stück, das um 1750 in Herrengrund entstand, kommt jetzt aus dem Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen: Über einer vergoldeten Kupferschale ist ein Handstein montiert, der eine Bergbaulandschaft nachbildet. Gut zu erkennen ist das Göpelhaus mit dem kegelförmigen Dach. Darunter befand sich der Schacht, aus dem mit Pferdekraft das Erz empor geholt wurde. Rechts sind zwei Stollen und ein Pferd zu erkennen, das einen mit Erz beladenen Karren zum Pochwerk zieht.

Aus Münchner Privatbesitz stammt eine vergoldete Schale, die im 17. Jahrhundert in Herrengrund gefertigt wurde und in der Mitte einen Bergmann mit Kapuze zeigt, der gerade dabei ist, Eisen in Kupfer zu verwandeln, wie die Inschrift verrät.

Silberbrocken aus der Himmelfürstgrube

In der Ausstellung, die bis Anfang nächsten Jahres zu sehen ist, gibt es zwei jüngere Exponate, Handsteine aus dem Freiberger Silberbergbau, die 1818 zu besonderen Ehren kamen. Zum 50. Jahrestag der Thronbesteigung 1768, damals noch als Kurfürst, wurde König Friedrich August I. unter anderem mit einem Silberbrocken aus der Himmelfürstgrube bedacht. Die Inschrift deutet darauf hin, dass der mit neuen technologischen Mitteln wieder angekurbelte Silberbergbau in jenen 50 Jahren 2176 Zentner Silber erbracht habe. Der König ließ den Handstein umgehend im Juwelenzimmer des Grünen Gewölbes ausstellen. Es heißt, dass dafür vorübergehend sogar die Smaragdstufe weichen musste, die der sogenannte Mohr, eine Arbeit wohl nach Entwürfen Permosers für August den Starken, auf einem Tablett trug.

Es ist eine kleine, aber feine und sehr spezielle Sonderschau, die darauf verweist, dass alle Kunst ohne die Gaben der Erde, ohne harte Arbeit und ohne Einfallsreichtum nicht zu haben wäre.

Information: Die Ausstellung läuft bis 4. Januar 2026. Öffnungszeiten täglich außer dienstags von 10 bis 17 Uhr, freitags zusätzlich 17 bis 19 Uhr.