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Sachsen

Der 3000 Jahre alte Schatz aus der Lausitz

Der 3000 Jahre alte Schatz aus der Lausitz
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Es gab Eliten und Reichtum in Sachsen bereits zur Bronzezeit. Ein Schatz der Fürsten jener Zeit ist jetzt in Görlitz gefunden worden.
Von Stephan Schön
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Dresden/Görlitz.
Es ist August. Und es ist mehr als 30 Grad heiß. Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren ziehen an die zwanzig Freiwillige mit ihren Metallsonden, mit Spaten und Spateln über den Acker von Klein Neundorf, einem Ortsteil von Görlitz. Stundenlang schon sucht das Team nach Metall im Boden, vergraben zur Bronzezeit. Es gab Indizien, doch nichts findet sich. Die Hitze drückt. Und ein letztes Mal dreht der ehrenamtliche Sondengänger Henry Herrmann mit seinem Suchgerät etwas abseits der Gruppe seine Runde, ganz am Rand des Areals.

Da, plötzlich bekommt er ein Signal. Hier liegt etwas im Boden. Und tatsächlich kommen nicht weit unter der Ackerkrume zwei Bronzesicheln zum Vorschein. Und es wird mehr und mehr und mehr. Der Abend kommt. Die Fundstelle kann nicht mehr geborgen werden und muss so bleiben, wie sie ist. Die Gefahr von Raubgräbern ist damit groß – nicht mit diesem Team. Einer der ehrenamtlichen Archäologen parkt kurzerhand dort am Feldrand, direkt über der Fundstelle, sein Auto über Nacht. Bis zum Morgen, als dann die große Blockbergung gelingt, also alles im Ganzen aus dem Acker geholt wird. Das berichteten die Forscher vom Sächsischen Landesamt für Archäologie am Donnerstag nun erstmal öffentlich, zwei Jahre nach ihrer Entdeckung. Und sie haben ihren Schatz mitgebracht. Der ist so besonders, dass ihn Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) selbst der Öffentlichkeit präsentierte. Und vielleicht auch ein bisschen deshalb, weil er dort ganz nah dran am Fundort, im Süden von Görlitz aufgewachsen ist.

Ein streng geheimes Projekt

Dieses Projekt war absolut geheim. Die Archäologen hatten unbemerkt von den Menschen vor Ort und auch jenseits aller Medien einen Schatz geborgen. Nicht irgendeinen, sondern es ist der zweitgrößte Fund aus der Bronzezeit in Sachsen überhaupt. Waffen, Schmuck und Werkzeuge. Insgesamt 310 einzelne Stücke sind es. 16 Kilogramm wertvolle historische Fundstücke, die bisher niemand außer den beteiligten Archäologen zu sehen bekam. Von denen niemand etwas ahnte. 3000 Jahre alt. Ein wahrer Coup. Und geheim deshalb, um diesen Fundort erst einmal vor Raubgräbern zu schützen und das Areal weiträumig selbst abzusuchen.

Die Geschichte nahm lange vor heute ihren Anfang. Vor mehr als 100 Jahren schon. Im Jahr 1905 kaufte das Görlitzer Museum zwei uralte Bronzedolche. Zwei Jungen hatten diese in Klein Neundorf bei der Kartoffelernte auf dem Acker gefunden. Einer der Dolche ist seit 1945 verschollen. Der andere aber im Museum, in der Ausstellung der Görlitzer Sammlungen im Kaisertrutz. Dessen Direktor, Jasper von Richthofen, war es dann auch, der die Idee hatte, dieses Feld bei Klein Neundorf noch einmal mit moderner Technik abzusuchen. Wo ein Dolch ist, könnte ja noch mehr sein. Und war ja dann auch.

Dieser große Fund nun sei einzigartig und werde neue Einblicke in die Rituale und Glaubenswelten der Menschen von damals bieten, sagt Sachsens Landesarchäologin Regina Smolnik. „Dies wird uns Auskunft über die Handwerkstechniken und Handelsbeziehungen der bronzezeitlichen Lausitzer Kultur geben.“

Die Siedlungen an den Flüssen und in den Niederungen, die Eliten auf den Hügeln. Berge wie die Landeskrone in Görlitz waren damals wichtig für die bronzezeitlichen Herrscher. Sie waren Ausdruck von Macht hoch oben und gaben den Überblick über wichtige Handelswege. Und die gab es nicht nur in der Nähe, erläutert Regina Smolnik. „Die Eliten vor 3000 Jahren hatten bereits einen gewissen Reichtum und auch weiträumig Kontakte.“ England, Spanien, Balkan. Es gab überregionale europäische Beziehungen. „Wie genau, das wissen wir nicht, aber sie waren da.“

Metall einfach mal so im Boden zu vergraben, das gibt es in den Gräberfeldern der Bronzezeit nicht. Zu wertvoll war dieses Material. Aber immer wieder in der Nähe von Höhenzügen, dem Sitz der Eliten von damals, finden sich solche Hortfunde mit viel Bronze im Boden. Sie alle sind ziemlich ähnlich in der Art und Bestückung. Zufall oder nicht? Gibt es schon damals, vor 3000 Jahren, eine enge kulturelle Verbindung zwischen Ost und West, von Süd nach Nord in Europa? Immer mehr deutet darauf hin.

Eine sehr wahrscheinliche These geht davon aus, dass solche Gruben rituelle Stätten waren, in denen Schmuck und Werkzeuge geopfert wurden. Einige davon wurden auch mutwillig zerbrochen. „Das kann man erkennen, ob ein Bruch alt oder neu ist, also 3000 Jahre alt oder nur 300“, sagt die Archäologin Gabriele Wagner. Sie analysiert derzeit den Schatz aus der Lausitz, das Material, die Korrosion und die Bearbeitung. Sie, als gelernte Goldschmiedin, sieht Fehler in der Herstellung des Schmucks. Und erkennt an den Spuren im Metall die Werkzeuge, mit denen die Menschen vor 3000 Jahren die Bronze bearbeitet haben. Und auch, ob sie handwerklich geschickt waren, oder dann doch nicht so sehr.

Die Bergleute schafften den Reichtum

Sachsens Bodenschätze der Bronzezeit brachten Reichtum in die Region. Die sächsischen Archäologen entdeckten in den vergangenen Jahren in mühevoller Detektivarbeit mithilfe mikroskopischer Analysen bis hin zu Satellitenbildern die uralte Geschichte von Sachsen neu. Die muss mittlerweile umgeschrieben werden. Das Land entlang der Flüsse war besiedelt. Fruchtbare Böden waren damals die Grundlage für Ackerbau und Viehzucht.

Was diese Region im heutigen Sachsen damals aber ganz besonders wichtig für Europa machte und letztlich auch reich, das war der Bergbau. Ausgrabungen des Sächsischen Landesamtes für Archäologie hatten im vergangenen Jahr geradezu sensationell entdeckt, die Bergleute kamen keinesfalls erst im Mittelalter ins Erzgebirge, sie kamen Tausende Jahre früher. Hier gab es bereits vor 4000 Jahren den bisher ältesten Tagebau Europas, der bisher bekannt ist. Nicht an einer Stelle gab es diesen Bergbau, sondern faktisch überall an den Berghängen fand das Forschungsprojekt ArchaeoTin erst in diesem Jahr heraus. Das Erzgebirge war Europas wichtigster Zinnlieferant.

Sachsen in der Bronzezeit war damals ein wirtschaftliches Zentrum. Und Bronze damals war die eigentliche Währung. Es war Werkzeug und Waffe. Schmuck und Status. Ein Schatz. Einige dürften hier noch vergraben sein. Diesen einen von Görlitz hat der sächsische Boden jetzt freigegeben, es ist der zweitgrößte bronzezeitliche Fund in ganz Sachsen, der je entdeckt wurde. Größer ist nur der Fund von Weißig bei Meißen. Und der Schatz von Görlitz ist komplett. Weder vom Pflug zerstört noch geplündert. Die Materialanalysen werden zeigen, woher das Zinn für die Bronze kam. Aus dem Erzgebirge?